Genius-System — Citrat bei SLED
Das Genius-Batch-Dialysesystem (Fresenius) wird zunehmend für intermittierende Dialyse/SLED bei akutem Nierenversagen genutzt. Citrat-Antikoagulation dafür ist off-label, aber mehrfach publiziert.
Das Genius-System — kurz zur Einordnung
Genius ist ein Single-Pass-Batch-Dialysesystem: ein 90-Liter-Tank wird vor Behandlungsbeginn mit frischem Dialysat befüllt, Blut- und Dialysatfluss laufen im Gegenstromprinzip durch denselben Tank. Typischerweise für SLED (Sustained Low-Efficiency Dialysis) genutzt — Behandlungsdauer meist 6–8 Stunden, damit zwischen klassischer intermittierender HD (3–4 Std.) und CRRT (Tage) angesiedelt.
Geräteeinstellung (nach registriertem Studienprotokoll)
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Gerät | Genius 90 Therapy System (Fresenius Medical Care) |
| Blutfluss = Dialysatfluss | 180 ml/min (beide gleich eingestellt) |
| Filter | High-Flux-Polysulfon, z. B. Ultraflux AV 600S |
| Behandlungsdauer (SLED) | 6–8 Stunden |
Quelle: registriertes Studienprotokoll "Evaluation of Regional Anticoagulation With Citrate in Extended Hemodialysis" (ClinicalTrials.gov NCT04297839).
Citrat- und Calciumdosierung (vereinfachtes Praxisschema)
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Citratlösung | 4% Natriumcitrat, arterielle Infusion |
| Citratflussrate (Ausgangswert) | 260 ml/h (bei den meisten Patienten) |
| Resultierende Citratkonzentration | 2–5 mmol/l Blut (abhängig vom eingestellten Blutfluss 100–250 ml/min) |
| Dialysat-Calcium | 1,25 mmol/l (calciumhaltiges Dialysat, keine vollständige Calciumfreiheit wie bei CRRT) |
| Zusätzliche Calciumsubstitution | 8 ml/h (Calciumchlorid 460 mEq/l) oder 20 ml/h (Calciumchlorid 180 mmol/l) — je nach verwendeter Konzentration |
Quelle: retrospektive Kohortenstudie (BMC Nephrology, Porto Alegre/Caxias do Sul) — bewusst als "sehr vereinfachtes" Schema konzipiert, um den Pflegeaufwand gering zu halten (relevant u. a. während der COVID-19-Pandemie).
Konkretes, real angewendetes Schema (Vieira et al. 2023, PUCRS Porto Alegre)
Diese retrospektive Kohorte (53 Behandlungen, 49 Patienten, Genius 90 Hybrid-System) beschreibt die tatsächlich am Patientenbett verwendeten Konzentrationen — inklusive Begründung, warum ein calciumhaltiges statt eines calciumfreien Dialysats genutzt wurde.
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Dialysat-Zusammensetzung | Na 138, K 2,0, Ca 1,25, Mg 0,5, Cl 110, Bicarbonat 32,63 mmol/l; Glukose 5,5 mmol/l |
| Citratlösung | 4% Natriumcitrat (hier: 116 mmol/l Citrat, 408 mmol/l Natrium — herstellerabhängig leicht abweichend von den 136 mmol/l der CRRT-Lösungen) |
| Citratfluss (Median) | 260 ml/h → Citratdosis ≈ 30 mmol/h |
| Resultierende Citratkonzentration | 2–5 mmol/l Blut (Blutfluss 100–250 ml/min) |
| Calciumchlorid-Lösung | zunächst 184 mEq/l (92 mmol/l Ca), später 460 mEq/l (230 mmol/l Ca) |
| Calciumchlorid-Infusion (Median) | 22 ml/h → Calciumdosis ≈ 1,84 mmol/h |
| Verordnete Behandlungsdauer (Median) | 12,32 Stunden |
Abweichung vom Originalprotokoll: Anders als im Morgera-2004-Originalprotokoll (keine routinemäßige Calciumsubstitution, dafür Titration auf Postfilter-iCa 0,5–0,7 mmol/l) nutzt dieses spätere Praxisschema eine zusätzliche kontinuierliche Calciumchlorid-Infusion — vermutlich, weil das Postfilter-iCa hier gar nicht gemessen wurde (siehe Limitation unten) und die Autoren sich stattdessen stärker am systemischen Calcium orientierten.
Praktisch relevant für längere Behandlungen: Das 90-Liter-Dialysat-Reservoir begrenzt die Standardbehandlung. Für eine 24-Std.-Therapie kann auf eine "2:1-Leitung" umgestellt werden (Dialysatfluss 60 ml/h bei Blutfluss 120 ml/h, da diese Leitung nur 50% des Durchmessers der Blutflussleitung hat) — praktisch nur in 6 von 53 Behandlungen tatsächlich verordnet.
Ergebnisse aus der Schneider-2008-Vergleichsstudie
- Hämodynamisch gut toleriert in allen Gruppen
- Elektrolyte blieben während der gesamten Behandlung stabil
- Abfall von ionisiertem und Gesamt-Calcium im erwarteten, klinisch akzeptablen Bereich
- Bicarbonat und pH stiegen während der Dialyse an — besonders ausgeprägt bei Citrateinsatz (passend zur bekannten Bicarbonatbildung aus Citrat, siehe Grundlagen)
Fazit der Autoren: Slow-Extended-Genius-Hämodialyse mit Citrat ist gut verträglich und bietet eine sichere, effektive Alternative zur systemischen Antikoagulation.
Qualitäts-/Sicherheitsindikatoren aus der retrospektiven Kohorte (Vieira et al. 2023)
| Indikator | Häufigkeit |
|---|---|
| Dysnatriämie | 15% der Behandlungen |
| Metabolische Alkalose | 9,4% der Behandlungen (5 von 53) |
| Metabolische Azidose | 0% — keine beobachtet |
| Systemgerinnung | 17,3% der Behandlungen — vergleichbar mit 19% bei Schneider et al. 2008 |
| Therapiepause insgesamt | 22,6% (davon 17,3%-Punkte durch Systemgerinnung, 3,7% Hämodynamik, 1,9% Katheterthrombose) |
| ≥ 80% der verordneten HD-Zeit erreicht | 75,5% |
| 100% der verordneten HD-Zeit erreicht | 69,8% |
Diese Zahlen verdeutlichen genau das Thema unserer Off-Label-Übersicht: Systemgerinnung und vorzeitiger Abbruch sind bei Genius/SLED keine Seltenheit — engmaschige Beobachtung bleibt wichtig, auch bei vereinfachten Schemata.
Weitere Beobachtungen aus der Kohorte
- Bicarbonat stieg leicht von 25,5 auf 25,85 mmol/l — blieb im Referenzbereich (22–28 mmol/l)
- Harnstoff lag bereits vor Behandlung über dem Referenzbereich und stieg nach der Sitzung weiter an (107–114 mg/dl) — am ehesten durch Probenentnahmezeitpunkt und Malnutrition kritisch kranker Patienten erklärt, nicht durch das Citratschema selbst
- Hypernatriämie trat nur in 1 von 53 Sitzungen auf (1,8%) — die Autoren betonen, dass Hypernatriämie bei niedrig konzentrierten Citrat-/Dialysatlösungen selten bleibt (im Gegensatz zu höherprozentigen 30%-Citratlösungen anderer Zentren)
Ausschlusskriterien (nach registriertem Studienprotokoll)
| Kriterium | Schwelle |
|---|---|
| Akutes Leberversagen | Ausschluss |
| Hämorrhagischer Schlaganfall | in den letzten 30 Tagen |
| Thrombozytenzahl | < 20.000/mm³ |
| Aktive Blutung | Transfusionsbedarf ≥ 2 Erythrozytenkonzentrate/24 Std. |
Intermittierende Verfahren werden dabei bevorzugt bei hämodynamisch stabilen Patienten ohne bzw. mit niedrig dosierten Vasopressoren eingesetzt (Noradrenalin < 0,2 µg/kg/min, Dobutamin < 5 µg/kg/min) — konsistent mit unserer allgemeinen Kontraindikationen-Seite, die Schock/Hypoperfusion als zentralen Risikofaktor nennt.
Schneider M, Liefeldt L, Slowinski T, Peters H, Neumayer HH, Morgera S. Citrate anticoagulation protocol for slow extended hemodialysis with the Genius® dialysis system in acute renal failure. Int J Artif Organs 2008;31(1):43–48.
Morgera S, Scholle C, Melzer C, et al. A simple, safe and effective citrate anticoagulation protocol for the Genius® dialysis system in acute renal failure. Nephron Clin Pract 2004;98(1):c35–c40.
Vieira JAM, Reinheimer IC, dos Santos AC, et al. Quality indicators in prolonged hemodialysis with regional citrate anticoagulation with the genius system: retrospective cohort of critical patients with acute kidney injury. BMC Nephrol 2023;24:353. doi:10.1186/s12882-023-03342-8
ClinicalTrials.gov NCT04297839: Evaluation of Regional Anticoagulation With Citrate in Extended Hemodialysis.