Citrat-Antikoagulation
Off-Label

Intermittierende Hämodialyse — Citrat mit calciumhaltigem Dialysat

Drei publizierte Ansätze für Standard-HD-Geräte (Fresenius, Gambro, Nikkiso) — von engmaschig überwacht bis formelbasiert vereinfacht.

Diese Seite fasst drei publizierte klinische Studien zusammen (Quellenangaben am Ende). Es handelt sich nicht um ein Herstellerprotokoll — die beschriebene Anwendung ist off-label. Vor Einsatz: zentrumsinterne Freigabe einholen, Patienten aufklären, Abweichung vom Standardprotokoll dokumentieren. Siehe auch die Off-Label-Übersicht.

Grundprinzip: calciumhaltiges Dialysat statt separater Calciuminfusion

Anders als bei den CRRT-Protokollen (calciumfreies Dialysat + separate venöse Calciumsubstitution) nutzen alle drei hier vorgestellten Studien ein calciumhaltiges Dialysat (1,25–1,5 mmol/l). Das im Dialysat enthaltene Calcium diffundiert dem Patienten passiv zurück und ersetzt — teilweise oder vollständig — die separate intravenöse Calciumsubstitution. Das vereinfacht den Aufbau erheblich, ist aber genau der Punkt, der diese Anwendung von den zugelassenen CRRT-Protokollen unterscheidet.

Ansatz 1 — "Klassisches" Protokoll mit engmaschiger Kontrolle

Nach Luo et al. 2021 (Kontrollgruppe), Fresenius 4008S, Low-Flux-Dialysator, Blutfluss 200 ml/min.

ParameterWert
Dialysat-Calcium1,5 mmol/l bei 500 ml/min Dialysatfluss
ACD-A-Citratlösung290 ml/h, aufgeteilt im Verhältnis 4:1 (arteriell 232 ml/h, venöser Blasenfänger 58 ml/h)
Behandlungsdauer4 Stunden
Ziel: systemisches iCa1,0–1,2 mmol/l
Ziel: prädialysatorales iCa< 0,5 mmol/l
Kontrollintervall30, 60, 120, 180 Minuten

Ansatz 2 — Vereinfachtes, individualisiertes Protokoll (formelbasiert)

Nach Luo et al. 2021 (Interventionsgruppen, High-Flux und Low-Flux). Gleiche Sicherheit wie Ansatz 1 bei deutlich weniger Messungen und geringeren Kosten.

Dosierungsformel ACD-A-Rate (ml/h) = (systemisches iCa²⁺ × 0,405 + 2,356) × Blutfluss (ml/min) × 60/113
ParameterWert
Blutfluss200, 225 oder 250 ml/min (studienabhängig)
Dialysat-Calcium1,5 mmol/l
Aufteilung ACD-A4:1 (arteriell : venöser Blasenfänger), wie bei Ansatz 1
Neuberechnungnach 1 Stunde, anhand des dann gemessenen systemischen iCa
Kontrollintervallnur vor Beginn und nach 60 Minuten — deutlich reduziert gegenüber Ansatz 1
Prädialysatorales iCawird bei diesem Ansatz nicht routinemäßig kontrolliert

Nachjustierung bei sichtbarer Gerinnung (visuelle Kontrolle nach 1 Std.): Gerinnsel im Filter/arteriellem Blasenfänger → arterielle ACD-A-Rate um 10 ml/h erhöhen. Gerinnsel im venösen Blasenfänger → dortige Rate um 5 ml/h erhöhen.

Ansatz 3 — Kontinuierliche Citratinfusion proportional zum Blutfluss

Nach Aniort et al. 2024 (Gambro AK200 / Nikkiso DBB07), validiert mittels mathematischem Modell an 22 Patienten.

ParameterWert
Citratlösung4% Trinatriumcitrat (136 mmol/l), arterielle Infusion
DosierungsformelCitratfluss (ml/h) = 1,75 × Blutfluss (ml/min)
Ziel-Citratkonzentration0,40 mmol pro 100 ml Blutfluss
Dialysat-Calcium1,25 mmol/l

Wichtiger Befund der Modellierung: Ein freies Calcium < 0,4 mmol/l (Ziel für ausreichende Antikoagulation) wurde nur in einem Teilabschnitt der Filterfaserlänge erreicht — die Gesamt-Calciumbilanz war nahezu neutral bis leicht negativ (−1,72 ± 1,15 mmol/h in der Patientenstudie). Bei verlängertem Einsatz sollte das berücksichtigt werden.

Ansatz 4 — Reine Dialysat-Calcium-Steuerung (ex vivo, Konzeptnachweis)

Nach Dorie et al. 2021, ex-vivo-Kreislauf mit gespendetem Blut, Fresenius 5008 in Postdilutions-Hämodiafiltration.

ParameterWert
Citratlösung (ACD)200 ml/h in den Heparin-Infusionsport
Ultrafiltrationsrate180 ml/h (kompensiert das zusätzliche Citratvolumen)
Dialysat-Calciumschrittweise 1,25–2,0 mmol/l (Schritte von 0,25 mmol/l)

Kernbefund: Das systemische ionisierte Calcium korrelierte sehr eng mit der Dialysat-Calciumkonzentration (r = 0,99) und reagierte bereits nach 10 Minuten auf Konzentrationsänderungen — ganz ohne zusätzliche intravenöse Calciumsubstitution. Über 3,5 Stunden blieb der Wert bei fixer Dialysatkonzentration stabil. Kein Fall von Kreislauf-Gerinnung in den Experimenten.

Kontraindikationen speziell für diese Studien

Ausschlusskriterien aus Luo et al. 2021 — enger gefasst als unsere allgemeine Kontraindikationen-Seite, weil hier eine kurze, intermittierende statt einer Tage dauernden Behandlung vorliegt:

KriteriumSchwellenwert
Schwere LeberschädigungGesamtbilirubin ≥ 60 µmol/l
Nicht korrigierbare HypotonieBlutdruck < 90/60 mmHg
HypoxämiePO₂ < 60 mmHg
LaktatazidoseLaktat > 3 mmol/l

Sicherheitsdaten aus den Studien

Luo et al. (n=45): Keine Elektrolyt- oder Säure-Basen-Störungen, keine Citratintoxikation in allen drei Gruppen. Unerwünschte Ereignisse: 1× vorübergehendes perorales Kribbeln (behoben durch 10 ml Calciumgluconat 10% i.v.), 1× Hypoglykämie, 1× hypotensive Reaktion. Keine Blutungskomplikationen. 2 Behandlungen (je eine pro Gruppe) wegen Gerinnung im venösen Blasenfänger vorzeitig beendet.

Dorie et al. (ex vivo): Keine Gerinnung im Kreislauf bei keinem Versuchsdurchlauf.

Quellen:
Luo L, Fan M, Chen Q, Cheng J. A simplified protocol for individualized regional citrate anticoagulation for hemodialysis: a single-center, randomized clinical study. Medicine 2021;100:8(e24639). doi:10.1097/MD.0000000000024639
Aniort J, Richard F, Thouy F, et al. Deciphering simplified regional anticoagulation with citrate in intermittent hemodialysis: a clinical and computational study. Sci Rep 2024;14:19778. doi:10.1038/s41598-024-70708-9
Dorie JR, McIntyre CW, Lemoine S. Calcium Repletion and Regional Citrate Anticoagulation in Hemodialysis and Hemodiafiltration: Using Dialysate Calcium to Modify Hypocalcemia. Kidney Med 2021;3(6):1100-1101. doi:10.1016/j.xkme.2021.05.003